Krieg und Frieden im Weltsystem

von Ismail Küpeli

„Ereignisse“ vom 6-7 September 1955

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Die Schaffung und Konsolidierung von Nationalstaaten ist untrennbar mit der (gewaltsamen) Marginalisierung von Minderheiten verbunden. Die Grenzen zwischen der Nation und den „Anderen“ können ethnisch und/oder religiös begründet sein. Die Folgen solcher Grenzsetzungen gleichen sich vielfach und reichen von erzwungener Assimilation bis hin zur Vertreibungen und Genoziden.
Allerdings sind die Mitglieder einer Minderheit auch nach der Konsolidierung des Nationalstaates nicht sicher vor weiteren gewaltsamen Übergriffen. Auch eine umfangreiche Assimilation kann es nicht verhindern, dass sie nach wie vor als „anders“ und damit als nicht gleichberechtigt angesehen werden. Bei größeren politischen und sozialen Krisen müssen sie befürchten, Opfer von Pogromen zu werden – sei es, weil sie als Sündenböcke herhalten müssen oder weil sie oft die schwächsten und wehrlosesten Opfergruppen bilden.
Diejenigen Mitglieder der Minderheiten, die Pogrome überleben, sind (neben den körperlichen und psychischen Verletzungen) damit konfrontiert, dass das Erlebte totgeschwiegen und negiert wird.
Der Pogrom von Istanbul 1955 ist hier keine Ausnahme. Dies zeigt sich bereits daran, wie er in der Türkei genannt wird: Die „Ereignisse vom 6-7 September“. Auch diejenigen, die an die „Ereignisse“ erinnern wollen, müssen diese Sprechweise teilweise übernehmen – und sei es nur, um staatlicher Zensur zu entgehen. So konnte 2005 eine Fotoausstellung in Istanbul über die „Ereignisse“ eröffnet werden, die auf wissenschaftlicher Ebene von einer Studie von Dilek Güven gestützt wurde. Die Ausstellung wurde von türkischen Nationalisten gestürmt und teilweise zerstört – unter den Augen der Polizei. Auch die Entstehung der Studie selbst zeigt, dass das Erinnern schwierig ist. Das Buch basiert auf D. Güvens Dissertation, die sie an einer deutschen Universität schrieb und dann ins Türkische übersetzt wurde. Leider wurde die deutschsprachige Fassung nicht veröffentlicht und so bleibt für nicht-türkischsprachige Leser nur eine 14 seitige Zusammenfassung, die in der Publikation von 2005 enthalten ist.
Die Studie fällt in zwei Teile. Zuerst werden die „Ereignisse“ auf der Basis von Zeitzeugengeprächen, Zeitungsberichten und anderen Veröffentlichungen dargestellt. Dabei fällt auf, dass bereits die Angaben über der Zahl der Toten und Verletzten sowie der zerstörten und geplünderten Häuser, Kirchen und Geschäfte nicht sicher ermittelt werden können. Aber selbst die offiziellen türkischen Angaben sprechen von 11 Toten, mindestens 300 Verletzten und über 5000 beschädigten oder zerstörten Gebäuden. Die Angriffe waren gut vorbereitet und richteten sich mehrheitlich gegen „Griechen“, seien es griechische Staatsbürger oder griechischsprachige Bürger der Türkei. Es gab allerdings auch Angriffe gegen Armenier und Juden. Der Pogrom verstärkte die die Tendenz zur Auswanderung in den Minderheiten und in der Folgezeit verließen die meisten „Griechen“ Istanbul.
In diesen ersten Kapiteln wird der Verlauf der „Ereignisse“ solide und sicher dargestellt. Eine größere Relevanz erhält die Studie durch die hervorragende Kontextualisierung der „Ereignisse“ in die ethnische Homogenisierungspolitik des türkischen Staates. Auch wenn der unmittelbare zeitliche Kontext die Auseinandersetzungen zwischen der Türkei, Griechenland und Großbritannien über die politische Zukunft Zyperns war (Türkei und Griechenland agierten als Fürsprecher der „Türken“ und „Griechen“ in Zypern), lässt sich der Pogrom in Istanbul als Teil einer Politik der türkischen Staates verstehen, die seit der Gründung der Republik 1923 darauf zielte, ethnische und religiöse Minderheiten zu vertreiben. Schon im ersten Jahr des neuen Staates wurden etwa 1,5 Millionen Menschen griechisch-orthodoxen Glaubens aus der Türkei vertrieben. Ab 1924 wurden durch staatliche Verordnungen Nicht-Muslime sukzessiv aus vielen Berufsgruppen verdrängt. Die Diskriminierung und Ausgrenzung führte auch jenseits von Vertreibungen und Pogromen dazu, dass Menschen aus den Minderheiten die Türkei verließen. Allerdings gab es immer wieder größere Auswanderungswellen, so etwa 1934 nach den antijüdischen Pogromen in Thrakien und 1942 nach einer Vermögenssteuer („Varlık Vergisi“), die faktisch zu einer Enteignung von Nicht-Muslimen führte. Güven macht deutlich, dass der Pogrom von 1955 kein Einzelereignis ist und auch kein unvorhersehbarer Ausbruch seitens eines Mobs, sondern die tödliche Konsequenz einer staatlichen Homogenisierungspolitik.
Eine deutschsprachige Veröffentlichung der Studie wäre sehr wünschenswert. Neben der hervorragenden Arbeit von C. Guttstadt über das Schicksal der jüdischen Minderheit in der Türkei wäre die Studie von D. Güven eine sehr gute Ergänzung, insbesondere weil hier die Politik des türkischen Staates in den 1950er und 1960er Jahre analysiert wird.

Ismail Küpeli

Dilek Güven: 6-7 Eylül Olayları. Tarih Vakfı, Istanbul 2005.

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Written by krieg&frieden im weltsystem

Dezember 16, 2010 um 4:11 pm

Veröffentlicht in Rezensionen

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