Krieg und Frieden im Weltsystem

von Ismail Küpeli

Buchrezension: H. Münkler: Imperien

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Die politischen Kommentare in Deutschland über den Irak-Krieg lassen sich grob in drei Tendenzen einordnen. Ein Teil der Autoren lehnt den Krieg als Mittel der internationalen Politik grundsätzlich ab. Hier wäre zu unterscheiden zwischen Positionen, die Krieg als Durchsetzung von kapitalistischen Interessen verstehen, und »friedensbewegten« Positionen, die eine solche grundsätzliche Verknüpfung von bürgerlicher Ordnung und Krieg nicht annehmen. Ein anderer Teil der Autoren folgt den Annahmen der Bush-Administration und versucht, diese mit wissenschaftlichen Argumenten zu belegen.
Den Mainstream der Debatte in Wissenschaft und Politik stellt die Position, die Krieg als Mittel der internationalen Politik zuläßt, aber eine multilaterale Entscheidungsfindung einfordert. Insofern wird innerhalb dieser Tendenz zwischen dem Afghanistan-Krieg (multilateral) und dem Irak-Krieg (unilateral) unterschieden.
Allein, daß Herfried Münkler mit seiner Annahme von der Nützlichkeit der Imperien sich nicht unmittelbar zu einer der drei Tendenzen zuordnen läßt, scheint eine nähere Betrachtung sinnvoll zu machen. Auch wenn die Annahmen Münklers imperiale Kriege legitimieren, ist die Vorgehensweise scheinbar anders als die gewohnte Argumentation mit Hilfe der Bedrohungsszenarien von Terrorismus, Massenvernichtungswaffen und Schurkenstaaten.

In Imperien wird zuerst das Imperium als Ordnungssystem gesetzt und dabei vom Nationalstaat abgegrenzt. Die Differenzen bestehen zum einen in der Integration der Bevölkerung im Innern des politischen Systems und zum anderen bei der Grenzziehung. Während der Nationalstaat – so Münkler – allen seinen Bürgern gleiche Rechte gewährt, existiert im Imperium ein »Integrationsgefälle« vom Zentrum zur Peripherie, die sich in »abnehmende[r] Rechtsbindung« und »geringer werdende[n] Möglichkeiten mitzubestimmen« ausdrückt (Münkler 2005: 17). Und wenn staatliche Grenzen deutlich und markant sind und politische Einheiten klar voneinander trennen, sind imperiale Grenzen eher »Abstufungen von Macht und Einfluss«. Münkler stellt hier den staatlichen Grenzen imperiale Grenzräume entgegen.
Die imperiale Politik basiert zum einen auf der imperialen Räson, d.h. auf politischen Maßnahmen, die zum Selbsterhalt des Imperiums dienen, und zum anderen auf der imperialen Mission, aus der das Imperium seine Legitimität bezieht (vgl. Münkler 2005: 234). Münkler nennt folgende imperiale Missionen für bestimmte Imperien: »Ausbreitung der Zivilisation […] wie etwa bei Römern und Briten, die Ausbreitung des Christentums wie bei den Spaniern und im zaristischen Russland« (siehe: Aus Politik und Zeitgeschichte B 45/2005, S. 4)
Die Legitimationsbeschaffung für imperiale Kriege basiert hier auf zwei Annahmen. Zum einen werden Imperien als politische Systeme dargestellt, die, wenn sie die augusteische Schwelle überschreiten, das heißt von der Expansions- zur Konsolidierungsphase übergehen, eine pazifizierende Wirkung haben. Imperien würden demnach größeren Wohlstand und Sicherheit schaffen, und so über genug Unterstützung verfügen, um ihre jeweilige »imperiale Mission« zu verfolgen. Die USA als »liberale[s] Imperium […] schafft und garantiert die Regeln, nach denen […] Politik gemacht wird«, so Münkler (siehe: APuZ 45/2005, S. 3). Die selbstgesetzte Verpflichtung oder, mit anderen Worten, »die imperiale Mission« der USA wäre die »Durchsetzung von Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechten«, und dies sei nicht nur als Ideologie, sondern auch als »Selbstbindung« zu verstehen. So folgt Münklers Annahme, daß die »Irak-Intervention« lediglich der »Verhinderung von Monopolpreisen und Sicherung des freien Handels mit Erdöl« diente (ebd., S. 5), einer Logik, die bereits in Münklers 2002 erschienener Arbeit Die neuen Kriege angelegt ist.
So war schon in Die Neuen Kriege eine Argumentation zu erkennen, die die westlichen Mächte (USA und Europa) als Akteure darstellte, die Bedrohungen abwehren müßten. Waren es in Die neuen Kriege die Bedrohungen der friedlichen, demokratischen Gesellschaften (des Westens) durch private Gewaltorganisationen (aus der Dritten Welt), geht es in Imperien vor allem um die Pazifizierung und Stabilisierung der »postimperialen Räume« (Münkler 2005: 219) durch eine externe imperiale Macht. Für Europa – das nach Münkler ein »Subzentrum des imperialen Raumes« (Münkler 2005: 247) darstellt – ist der postimperiale Raum ein »Bogen, der von Weißrussland und der Ukraine über den Kaukasus in den Nahen und Mittleren Osten reicht und sich von da über die afrikanische Mittelmeerküste bis nach Marokko streckt« (Münkler 2005: 250).
Dabei hatte Münkler eine fundamentale Differenz zwischen den zwischenstaatlichen Kriegen der europäischen Staaten und den »neuen Kriegen« in der Dritten Welt gesehen. Dieser Schluß basierte auf der Setzung der Kriege der europäischen Staaten als zivilisiert, da sie von der »Gleichheit der Kämpfenden« und »der Reglementierung der Gewalt« gekennzeichnet seien (Münkler 2002: 113). Ein Ausdruck der »Reglementierung« sei etwa die Trennung von Kombattanten und Nicht- Kombattanten. Sicherlich bleiben in einer solchen Sichtweise Kolonialkriege der europäischen Staaten, etwa die Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstands in »Deutsch-Ostafrika« von 1906 mit circa 100.000 Opfern, ausgeblendet. Aber auch die Frage, ob das Münklersche Modell der »zwischenstaatlichen Kriege« nicht auch die Kriegsrealität in Europa selbst ausblendet, so etwa, wenn Münkler behauptet, Vergewaltigungen in diesen Kriegen seien »Kriegsverbrechen« und »Einzelfälle« gewesen, die »streng geahndet wurden« (Münkler 2002: 143), drängt sich nachdrücklich auf. Gegenüber den »zivilisierten Kriegen« gelten die »neuen Kriege« als bestialisch und entzivilisiert. So zitiert Münkler, um die Bestialität zu belegen, Berichte über Gewaltakte in afrikanischen Bürgerkriegen, dies hauptsächlich aus Peter-Scholl-Latours Afrikanische Totenklage. Mehr als problematisch ist nicht nur die anthropologisierende Argumentation der Berichte, die eurozentristischen, wenn nicht rassistischen Mustern einen Eingang in die Diskussion ermöglicht. Insbesondere das Fehlen einer empirischen Basis, die die These von der Bestialität der »neuen Kriege« belegen würde, ist mehr als augenfällig – wobei die methodischen Defizite dadurch aufgewogen scheinen, daß nicht zuletzt durch eine Lizenzauflage von Die neuen Kriege durch die Bundeszentrale für politische Bildung der von Münkler ausgearbeiteten Sichtweise auf aktuellen weltpolitische Strukturen hohe Autorität verliehen ist. So ist überraschend, daß nur geringe Kritik laut wurde, die bei Die neuen Kriege zudem eher um eine allgemeine Frage, ob denn die beschriebenen Phänomene wirklich so neu seien, zentriert waren, weniger jedoch die methodische Basis in den Blick nahmen.
In Imperien folgt Herfried Münkler dem eingeschlagenen methodischen Weg ebenso wie den in Die neuen Kriege entwickelten Kategorien zur Beschreibung des Zivilisatorischen und seiner Bedrohungen. Das in Die neuen Kriege als »Dilemma des Westens« konstruierte Problem, daß »eine wachsende Zahl von Krisengebieten« und »eine eng begrenzte Menge interventionsfähiger und selten interventionsbereiter Mächte« sich gegenüber stehen (Münkler 2002: 232), soll durch die Etablierung von Imperien besser gelöst werden. Nur Imperien wären zum »entschlossene[n] Eindringen in staatsfreie Räume mit dem Ziel, dort zumindest Völkermord und Massaker zu verhindern«, in der Lage (Münkler 2005: 226).
So werden die Bedrohungsszenarien aus Die neuen Kriege reproduziert, die Bewältigungsmechanismen verschieben sich jedoch von der »Herstellung von Staatlichkeit« zum »Aufbau von Imperien«. Diese Priorität erlaubt es nun auch, einige Weltregionen »aufzugeben«: »Die überlassen wir sich selber. Diese Lösung ist nicht appetitlich [sic!], aber sie liegt aus Imperialräson nah. So haben es die Amerikaner in Somalia gemacht« (so Münkler in einem Interview in der tageszeitung vom 1.8.2005).
Es mag sein, daß »Imperien« einen ähnlichen Erfolg haben wird wie Die neuen Kriege – die in der Mehrheit unkritischen Annäherungen und die Veröffentlichung durch die Bundeszentrale für politische Bildung sprechen dafür. Ähnlich ist die Funktion der Analyse: die Formulierung wissenschaftlicher Legitimationen für (imperiale) Kriege.

Herfried Münkler: Imperien, Rowohlt Verlag, Köln, 2005, 331 Seiten, 19,90 Euro

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieser Buchrezension ist erschienen in der Zeitschrift für Genozidforschung (Jg. 7, Heft. 1/2006, S. 138-139). (PDF-Version)

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Written by krieg&frieden im weltsystem

Mai 25, 2008 um 5:46 pm

Veröffentlicht in Rezensionen

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