Krieg und Frieden im Weltsystem

von Ismail Küpeli

Schwülstige Geschichten über „Importbräute“

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In der Integrationsdebatte werden Frauenrechte funktionalisiert

Sind die muslimischen MigrantInnen anpassungsfähig an das demokratische, menschenrechtsorientierte und freiheitliche politische System in Deutschland? Solche Fragen bestimmen die „Integrationsdebatte“ in Deutschland. Und in der letzten Zeit spielt Necla Kelek mit ihrer Publikation Die fremde Braut dabei eine prominente Rolle. Thematisiert werden darin der „Import“ von Frauen aus der Türkei und Zwangsheiraten von MuslimInnen in BRD. Kelek hat mit ihrer Publikation zu einer weiteren Polarisierung der Debatte geführt. Nicht zu Unrecht haben etwa 60 SoziologInnen und MigrationsforscherInnen in einem „Offenen Brief“ in der Zeit vom 2.2.2006 deutliche Kritik an Keleks Methoden und Positionen geäußert. Die Publikation von Kelek wird darin folgendermaßen bewertet: „Die ‚Analysen‘ [sind] nichts mehr als die Verbreitung billiger Klischees über ‚den Islam‘ und ‚die Türken‘, angereichert durch schwülstige Episoden aus Keleks Familiengeschichte“.

Neben der oben erwähnten sehr deutlichen Kritik sind ebenfalls sehr positive Kommentare zu Die fremde Braut erschienen, so auch vom ehemaligen Innenminister Otto Schily und Alice Schwarzer. Schwarzer bezieht in ihrem Kommentar in der EMMA vom März 2006 wiederum Stellung gegen die Migrationsforscher und bezeichnet sie als „Islamisten-Freunde“. Die Auszeichung mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2005 und eine Gastprofessur an der Universität Duisburg-Essen 2006 sind Hinweise darauf, dass Keleks Positionen von einem großen Teil der Öffentlichkeit als seriös eingeschätzt werden.

Im Kontext solch einer Kontroverse lohnt ein genauerer Blick in die Publikation der vieldiskutierten Autorin.

Anekdoten, Steorotype, Vorurteile

Das Buch setzt sich aus 13 Kapiteln zusammen und beginnt vielsagend pathetisch mit „Dies ist eine wahre Geschichte“ (S. 11). Die Geschichte, die erzählt wird, soll von türkischen Frauen, die in „arrangierten Ehen“ wie „Sklavinnen gehalten“ werden, handeln. Es folgen unvermittelt Anekdoten von der Hochzeitsfeier ihres Bruders. Diese dienen einzig dazu, eine Atmosphäre der Authenzitität herzustellen, der zufolge Kelek die türkische Kultur kenne, und sie den Leser in diese andere Kultur einführen könne. Die Einleitung schließt mit der Bemerkung, dass sie stolz darauf sei, eine Deutsche zu sein (S. 20).

Vorfahren- und Familiengeschichte

Die ersten 7 Kapiteln stellen eine Art Familiengeschichte Keleks und ihrer Vorfahren da, angefangen beim „Exodus der Tscherkessen“ über die Kindheit Keleks in Istanbul bis hin zu ihrer Emanzipation von ihrer Familie und ihrer türkisch-tscherkessischen Herkunft. Dabei tauchen kleinere Texteinheiten auf, in denen die Ebene der persönlichen und familiären Geschichte verlassen wird, um andere Geschichten einzubauen. So z.B. die These, dass der Harem ein Modell dafür sei, wie muslimische Familien sein wollen. Kelek deutet explizit darauf hin, dass die Zustände im osmanischen Harem im 19. Jh. mit den Zuständen in Deutschland des 21. Jh. gleichzusetzen seien (S. 39, 44). Der behauptete Zusammenhang zwischen Harem und muslimischer Familienstruktur wird weiter betont: Die „türkisch-muslimische Frau“ könnte heute genauso „wie die Sklavin im Osmanischen Harem nicht als Ehefrau, sondern nur als Mutter etwas erreichen“ (S.47).

Im Folgenden plätschert die Familiengeschichte dahin – unterbrochen von merwürdigen Behauptungen wie der, dass auf türkischen „Festen, das weiß man (sic!) […] Fäuste und Messer locker sitzen“ und man „Ärger mit den Brüdern bekommen kann“ (S. 65) , dass muslimische Mädchen weder in der Türkei noch in Deutschland auf Schaukeln zu sehen sind (S. 87) und dass sich „türkische Jungen immer auf der Straße herumtreiben und an den Ecken herumlungern“ (S. 127). Ein weiteres Mittel zur Herstellung einer Atmosphäre der Authenzitität ist, dass Kelek auch für die banalsten Wörter türkische Ausdrücke verwendet, so statt Backblech „Tepsi“ (S. 87), statt Wassermelone „Karpuz“ (S. 87) und statt Teppich „Kelim“ (S. 97).

„Geschichten von den ‚Importbräuten’“

Nach Kapitel 9, einer eigentümlichen und gerafften Darstellung des Islams, tauchen erst in den beiden letzten Kapiteln erste zusammenhängende Geschichten über die angekündigen Themen „Importbräute“ aus der Türkei und Zwangsheiraten von MuslimInnen in Deutschland auf. Die erste Geschichte ist die Wiedergabe eines Dialogs zwischen Kelek und einer Freundin ihrer Mutter. Es folgt eine Typisierung einer „typische[n] Importbraut“ (S. 171), wobei unklar bleibt, ob und wie diese Typisierung auf Empirie basiert. Weiter geht es mit Geschichten von drei türkischen Frauen, die über die Heirat eines in Deutschland lebenden Türken nach Deutschland gekommen sind. Die Geschichten werden erzählt, aber eine empirische Methode, wodurch die Geschichten erst bewertbar und weiterverwendbar würden, fehlt. Die Problematik, die dadurch entsteht, müsste Kelek eigentlich bewußt sein, da sie Soziologin ist und dies bei ihren Veröffentlichungen immer wieder betont. Es bleibt je nach Leser ein Gefühl des Mitgefühls für die Frauen und/oder Ablehnung gegenüber „den“ Türken, bzw. Muslimen zurück.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass der „Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland“ (so der Untertitel von Die fremde Braut) weder authentisch noch wissenschaftlich ist. Die oben erwähnte öffentliche Wirkung von Kelek trotz dieser Defizite zeigt, dass die „Integrationsdebatte“ keineswegs so rational und wirklichkeitsorient ist, wie ihre ProtagonistInnen behaupten, sondern vielmehr, dass diese Debatte repressiv und ideologisch gegen Nicht-Deutsche gerichtet ist. Dabei werden auch für sich genommen emanzipatorische Konzepte wie der Kampf gegen Zwangsheirat funktionalisiert und Argumente daraus für die eigene politische Agenda verwendet.

Necla Kelek: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2005, 269 Seiten.

Ismail Küpeli

Eine überarbeitete Fassung dieses Artikels erschien in der analyse&kritik (Nr. 513 vom 19.1.2007). (PDF-Version)

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Written by krieg&frieden im weltsystem

März 6, 2008 um 5:42 pm

Veröffentlicht in Rezensionen

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