Krieg und Frieden im Weltsystem

von Ismail Küpeli

Buchrezension: O. Arndt „Demonen“

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Ein Buch über die „Mythologie der Inneren Sicherheit“ und „Waffen der mass protection, ihre psychischen und sozialen Folgen“ (siehe Verlagsankündigung) soll „Demonen“ von Olaf Arndt sein. Die „Editorische Notiz“ auf Seite 4 gibt einen ersten Hinweis, was den Leser erwartet. Es handelt sich um eine Sammlung von Essays und Artikeln.

Einige Artikel geben einen Einstieg in das Thema „nicht-tödliche Waffen“, also Waffen die weniger als 1% der Opfer töten. Zu diesen Waffen zählen auch die „Demonen“ („directed energy munition“). So etwa Mikrowellen-Distanzwaffen, die eingesetzt werden, um aufrührerische Massen zurückzudrängen. Andere Artikel beschäftigen sich mit den Zusammenhängen zwischen Science-Fiction und Design von solchen Waffen. Die letzten Artikel gehen der Frage nach, was für eine Gesellschaftsvorstellung hinter der Entwicklung von solchen Waffen steckt. Parallel zu Vorstellungen von der „Internalisierung von Herrschaft“ taucht hier die These vom Ende der klassischen Kontrollgesellschaft auf. Die Herrschaftsinstrumente müssten nicht mit Gewalt aufoktroyiert werden, sondern die Individuen selbst würden über „Selbstmanagement“ und „Affirmation von Technik“ (S.135-136) die Entwicklung und dem Einsatz von Technologien betreiben, die dann zur Prävention von sozialem Ungehorsam dienen würden. Als beispielhaft hierfür wird der Einsatz von subkutanen RFID-Chips bei einem VIP-Club in Barcelona zur Verkürzung der Wartezeit bei Einlasskontrollen erwähnt (S.121).

„Demonen“ ist kein zusammenhängender Text, indem Kapitel den nächsten vorbereitet. Dies vereinfacht eine freie Assoziation. Aber zum einen wird der Leser bei seinen Assoziationen oft alleine gelassen. Wie die zitierte Literatur und Bilder aus der griechischen Mythologie mit dem umgebenden Text im Kontext verstanden werden sollen, bleibt oft unklar. Die Codierungen, die unvermittelten Bezüge, verleiten dazu, dass die kulturhistorischen Komponenten oft als Ballast gesehen werden können. Beispielhaft hierfür sind zitierte Textstellen, die sich augenscheinlich nur dadurch auszeichnen, dass sie das Wort „Dämonen“ beinhalten (z.B. S.105-110)

Zum anderen haben die essayhaften „Kapitel“ keine klare Struktur. So fehlt etwa ein Überblick darüber, welche der erwähnten Technologien und Waffen bereits vorhanden, welche entworfen (aber noch nicht materiell) und welche „Science-Fiction“ sind. Ebenso fehlen oft Quellenangaben bei der Darstellung von Technologien, eine Recherche durch den Leser wird so erschwert. Dies ist deswegen relevant, weil der Autor selbst vor „verschwörungstheoretische[n] Fallgruben“ (S.37) warnt. Hier wären ausführliche Literaturangaben nötig.

Neben diesen Fehlstellen im Bereich der Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit gibt es zwei inhaltliche Fehlstellen. Zum einen ist die Frage kaum ausgearbeitet, ob „nicht-tödliche“ Waffen die Gefahr erhöhen, dass in Konfliktsituationen (wieder) Waffen verwendet werden. Sie taucht einmalig als Randphänomen auf einer knappen Seite auf.

Ist es aber nicht so, dass bei Design, Produktion und Darstellung von „nicht-tödlichen“ Waffen die vermeintliche Reversibilität und der humanitäre Charakter von diesen Waffen ein Hauptaspekt ist? Die Erweiterung der Möglichkeit für Maßnahmen zur „Herstellung von Ruhe und Ordnung“ mit abnehmenden Kollateralschäden ist doch ein Argument, mit dem europäische Regierungen die Entwicklung, Anschaffung und den Einsatz der „nicht-tödlichen“ Waffen legitimieren. Unverständlich, dass dieser Aspekt fehlt.

Zum anderen fehlt (ergänzend zu der Darstellung von Technologien und Entwürfen von HAARP bis hin zur Fernsteuerung von Menschen durch elektromagnetische Wellen) eine Reflexion darüber, dass bei heutigen Konfliktsituationen nach wie vor klassische („nicht-tödliche“) Waffen vorherrschen. Bei europäischen Ereignissen, wie etwa den Antiglobalisierungsprotesten, sind immer noch Wasserwerfer und Schlagstöcke die Werkzeuge, auf die die Polizei zurückgreift. Während hier in Europa noch davon ausgegangen werden kann, dass die vermeintliche „Nicht-Tödlichkeit“ immerhin ein Mythos ist, der auch gepflegt wird (indem etwa tatsächliche Opfer als „Ausnahmen“ gewertet werden) sieht das in nicht-europäischen Konflikten oft anders aus. Hier ist die Tödlichkeit sichtbar und Teil der Repression. Beispielhaft hierfür ist etwa der Polizeieinsatz (mit Wasserwerfern und Schlagstöcken) gegen sudanesische Flüchtlinge in Kairo am 31.12.2005, aus dem 25 Tote resultierten. Was bedeuten diese Unterschiede zwischen Mythos und Einsatz der „nicht-tödlichen“ Waffen für die weitere Entwicklung dieser Waffen?

Die Verlagsankündigung, die ein Studie über nicht-tödliche Waffen und „ihre psychischen und sozialen Folgen“ verspricht, wird leider nicht erfüllt. „Demonen“ weckt Interesse am Thema, gibt Anregungen und Ansatzpunkte für weitere Texte. In seiner essayhaften Form bleibt es aber vorläufig. Es bleibt zu hoffen, dass der kritische Ansatz hier weiterverfolgt wird, allerdings mit einer genauere und strukturierteren Analyse verbunden.

Olaf Arndt: Demonen – Zur Mythologie der Inneren Sicherheit. Edition Nautilus, Hamburg, 2005, 158 Seiten, 12,90 Euro.

Ismail Küpeli

Eine gekürzte Fassung dieser Buchrezension erschien in der analyse&kritik (Nr. 503 vom 17.2.2006). (PDF-Version)

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Written by krieg&frieden im weltsystem

März 6, 2008 um 5:33 pm

Veröffentlicht in Rezensionen

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